im Anschluss findet ihr unseren Bericht der Norwegentour zu den beiden Wracks "Helga Ferdinand" und "Aquila".
Wer lieber im PDF-Format und mit mehr Bildern liest findet ihn als PDF unter diesem Link:
http://freepdfhosting.com/fa2618ab26.pdf
Viele Grüße Rocco!
Wracktauchen in Norwegen - Das Ende eines Geleitzuges 8. November, 1944 - Norwegen, Bremanger - Midtgulenfjord
Ein Geleitzug der deutschen Kriegsmarine, bestehend aus dem Frachter DS "Helga Ferdinand" , DS "Aquila" und 2 Vorpostenbooten zum Schutz , befindet sich auf dem Weg Richtung Norden. Die beiden Frachtdampfer sind vollgeladen mit Kohle zur Versorgung der deutschen Einheiten in der norwegischen Stadt Bodø, nördlich des Polarkreises. Aufgrund der alliierten Luftüberlegenheit ankerte der Verband während des Tages im Midtgulenfjord. Durch die 500-1000m hohen Berge um den Fjord, wähnte man sich leidlich geschützt, vor den von Schottland aus operierenden alliierten Beaufightern und Moskitos.
Gegen Mittag wurde der Verband von Flugzeugen des 144. RAF Sqadron und des 404. RCAF Sqadron des "Dallachy Strike Wing" gesichtet und aus der Sonne kommend angegriffen. Der deutsche Geleitzug wehrte sich mit leichtem Flakfeuer gegen die Übermacht der gegnerischen Flugzeuge. Schon nach kurzer Zeit stiegen 100m hohe Rauchsäulen aus den Schiffen auf. Sie waren jetzt nicht mehr zu retten und sanken nach kurzer Zeit. Bei dem Gefecht starben 4 deutsche Seeleute und 6 wurden schwer verletzt. Außerdem geriet der norwegische Routendampfer "Framnaes" mit in das massive Feuer der Flugzeuge und strandete. Auf der "Framnaes" verloren weitere 4 Menschen ihr Leben.
Dieser Erfolg der alliierten, fliegenden Schiffsbekämpfungsverbände, zeigte der deutschen Führung in Norwegen auf schmerzliche Weise, dass aufgrund der massiven Aufklärung der norwegischen Küste und der Entwicklung von Raketengeschossen, die durch die hohen Berge als sicher geltenden Schutzankerplätze in den Fjorden, nicht mehr sicher waren. Juni 2013, Norwegen
Umsäumt von bewaldeten Hügeln, schroffen, mit Schnee bedeckte Wänden, spiegelglatt und malerisch schön, lag der Midtgulenfjord wie eine Landschaft aus "Mittelerde" vor uns. Aber wir waren nicht alleine wegen der atemberaubenden Landschaft hier, sondern wir wollten Tauchgänge an den, in den Tiefen des Fjordes liegenden Zeugen des letzten Weltkrieges, durchführen. Denn nur knapp 400m vom Ufer entfernt, liegen 2 Frachtschiffe aus dem zweiten Weltkrieg in Tiefen von 35-65m. Diese Wracks waren das eigentliche Ziel unserer aus 4 Tauchern bestehenden Truppe. Mit nach Norwegen musste eine umfangreiche Ausrüstung, sowie die Gaslogistik, um mehrere Tauchgänge an diesen Wracks durch-zuführen. Mit dabei waren 2 Rebreather, etliche Stageflaschen, einige D12 bzw. D18 Tauchgeräte, 50l Speicherflaschen gefüllt mit Sauerstoff und Helium, um die Atemgasgemische für größere Tiefen herstellen zu können, 1 Atemluftkompressor und letztendlich ein Schlauchboot mit Sidescan-Sonar. Nicht zu vergessen wäre die Verpflegung, in Form von Grillfleisch, für eine komplette Woche.
Unsere 2-tägige Anreise durch atemberaubende Landschaften, begann allerdings mit schlechten Nachrichten. Durch das Internet erfuhren wir, dass es am Midtgulenfjord einen tödlichen Tauchunfall gegeben hatte. Dies konnte nur an den beiden Wracks passiert sein da wir wussten, dass sich dort mit uns im gleichen Zeitraum ein schottisches Tauchschiff aufhalten wollte. Der E-Mailkontakt mit dem Skipper des schottischen Schiffes bestätigte unseren Verdacht. Es war schon ein komisches Gefühl eine Reise zu einem Platz zu beginnen, an dem gerade ein tragischer Unglücksfall stattgefunden hat. Letztendlich waren wir aber froh, dass es durch die norwegischen Behörden keinerlei Restriktionen z.B. in Form eines Tauchverbotes an den Wracks gab. So hart wie es klingt, aber dann wäre unsere monatelange Vorbereitung bzw. Organisation umsonst gewesen.
Unsere Unterkunft war ein sehr gut ausgestattetes Ferienhaus, welches nur 400m von den Wrackpositionen entfernt direkt am Wasser lag. Das heißt, wir konnten unsere Tauchvorbereitungen auf unserer Terrasse treffen und die Tauchgänge unter unserem hauseigenem Steg beenden. Da die Dekompressionsphase der Tauchgänge um die 60min betragen würde, war es ein unschätzbarer Vorteil die langen, eintönigen Stopps nicht am Bojenseil der Wrack´s verbringen zu müssen, sondern in Form eines Naturtauchganges am schnell in die Tiefe abfallendem Ufer. Das Wrack der "Helga Ferdinand"
Die Helga Ferdinand wurde 1897 als "Ambassador" in Hartlepool von der William Gray & Co. Werft gebaut. Das Dampffrachtschiff war 96m lang und 14m breit und wurde aus Stahl gebaut. Ab 1924 fuhr das Schiff für deutsche Reedereien, zuletzt gehörte sie dem Reeder Hugo Ferdinand aus Rostock der ihr den letzten Namen "Helga Ferdinand" gab. Im Krieg fuhr sie für die Kriegsmarine und wurde zur Verteidigung mit 2 leichten Flakgeschützen am Bug und am Heck ausgerüstet. Heute steht das Schiff aufrecht in einer Tiefe von 33-65m nur 400m vom Ufer entfernt.
An der schon installierten Boje tauchten wir zügig ab. Beim Abstieg tauchten als erstes die markanten Masten der Ladebäume des Schiffes auf. Selbst die Wanten zur Abspannung waren noch vorhanden und über und über mit weißen Seescheiden bewachsen. Bei der guten Sicht von >10m ein gigantischer Anblick. Das Bojenseil war direkt vor der Brücke befestigt, wo uns sogleich einige Rotbarsche begrüßten. Wie geplant setzten wir unseren Weg in Richtung Heck fort. Es ging vorbei an den Aufbauten der Brücke, dem aufrecht stehendem Schornstein, den Davids der Rettungsboote, dem Skylights des Maschinenraumes, den hinteren Laderäumen mit der noch vorhandenen Kohleladung, den mächtigen Laderaumwinschen und dem hinteren Mast. Ich war sehr überrascht wie gut erhalten ein so altes Schiff im Seewasser noch sein kann. Am tief gelegenen Heck konnte man die Plattform mit dem Heckgeschütz und das hölzerne Hilfsruder mit beschlagenem Messingring bewundern. In einer Tiefe von 65m drehten wir um und begannen langsam unseren Weg zum Bug. An den Aufbauten der Brücke gibt es mehrere Möglichkeiten in das Wrack zu gelangen, teilweise kann man aber auch sehr gut die vielen Details durch das verrottete Holzdeck von außen bewundern. So gibt es z.B. Badewannen, Glühlampen in ihren Fassungen, Bullaugen, Waschbecken, geflieste Räume, persönliche Dinge wie Schuhe, Schwimmwesten und vieles mehr zu sehen. Nach ca. 35min Tauchzeit waren wir an dem flachsten Teil des Wracks , dem Bug angelangt. Auch dieser Teil des Schiffes ist sehr imposant. So gibt es neben den mächtigen Ankerwinschen wieder eine Flakplattform und einige interessante Räume zu sehen. Schaut man sich den markanten Dampferbug an, fällt auf, dass die beiden Anker fehlen. Wahrscheinlich wurde bei dem Angriff einfach die Kette gekappt, um möglichst schnell in Fahrt zu kommen. Erstaunt hat uns, dass ansonsten kaum Gefechtsschäden sichtbar waren. Lediglich ein größerer Einschuss im Deckbereich ist uns aufgefallen. Der Tauchplan mahnte zum Aufstieg und wir verließen schweren Herzens das Wrack nach dem Kompass tauchend Richtung Ufer. Erfreulicherweise konnten wir dank der guten Sichtweiten immer mit Sichtkontakt zum Grund tauchen und waren nach wenigen Minuten schon in 21m Tiefe, wo ich auf das erste Dekogas wechseln konnte. Der Rückweg vom Wrack war ein schöner Naturtauchgang. Steinfelder mit riesigen Steinen wechselten sich mit Sandflächen ab. Hier war einiges an Getier unterwegs. Unter den Steinen versteckten sich Kaisergranatkrabben, die Dank unseres Vermieters Ole auch den Weg auf unseren Grill fanden. Im Freiwasser jagten große und kleine Köhler und selbst ein gigantisch, großer Heilbutt legte sich uns auf dem Rückweg in den Weg. Der lange 6m Stopp fand dann direkt vor unserer Terrasse statt, wo die üblichen Verdächtigen der norwegischen Flachwasserbereiche wie Lippfische, Nacktschnecken und sogar ein Hummer uns die Zeit vertrieben. Wir absolvierten insgesamt 3 Tauchgänge an der "Helga Ferdinand", wobei wir aufgrund des günstigen Tiefenprofils die Grundzeiten bei den folgenden Tauchgängen auf 40min ausweiten konnten.
Das Wrack der "Aquila" Die "Aquila" wurde als SS "Ingelfingen" 1908 bei Chantaiers Naval Anversois S.A. in Belgien gebaut. Sie hatte in ihrer Geschichte viele Eigner und fuhr unter vielen verschiedenen Flaggen. Nach Stationen in Dänemark, Griechenland, Russland und England fuhr die "Aquila" ab 1942 wieder unter deutscher Flagge und genauso wie die "Helga Ferdinand" im Dienste der Kriegsmarine. Die "Aquila" war mit einer Länge von 106m und einer Breite von 15m das größere Schiff von Beiden. Das Schiff liegt heute nur 400m von der Helga Ferdinand entfernt, in 35-65m Tiefe auf der Steuerbordseite. Die Position des Schiffes war nicht mit einer Boje markiert, so übernahmen wir dies. Auf dem Sidescan und Echolotbildschirm zeichnete sich ein riesiger Rumpf ab, sodass das Bojengewicht schon nach kurzer Zeit in die blau-grüne Tiefe rauschte. Schon auf 30m Tiefe kam der riesige, auf der Seite liegende Schiffsrumpf in Sicht. Die Oberkante befand sich bei knapp 50m und noch immer war es hier taghell. Die Sicht war gigantisch. Schnell war das Bojenseil für das zweite Tauchteam am Rumpf befestigt und wir konnten die Erkundung des Schiffes fortsetzen. Wir befanden uns auf dem Rumpf und tauchten Richtung Heck. Uns fielen die massiven Gefechtsschäden auf. Der Schiffskörper war übersät mit Einschuss- und Einschlaglöchern der Raketengeschosse. Am Heck angekommen besichtigten wir, den in das Freiwasser ragenden Verstellpropeller, um dann unsere Erkundung auf der Seite der Aufbauten fortzusetzen. Die Heckaufbauten waren teilweise zerstört bzw. lagen sie neben dem Rumpf. Das Wrack machte hier einen unübersichtlichen Eindruck. Auf dem Weg Richtung Brücke bestaunten wir den Detailreichtum, den wir schon von der "Helga Ferdinand" kannten. Die Brückenaufbauten lagen neben dem Schiff. Dies ermöglichte interessante Einblicke in die ehemaligen Räume. Insgesamt war das Schiff, trotz der Seitenlage in einem sehr guten Zustand, bis auf das Heck. Das gefiel wahrscheinlich auch den vielen tierischen Bewohnern, welche dieses große Biotop aus Stahl angezogen hatte. So legte sich ein gewaltiger Seewolf vor dem Einstieg in den Maschinenraum in unseren Weg, wie um zu sagen:"das ist mein Reich". Am vorderen Ladekran schwebte ein Sepienpaar auf uns zu und begleitete uns in geringem Abstand einige Meter auf unserem Weg Richtung Bug. Dieses Pärchen begrüßte uns bei jedem der Tauchgänge an "Aquila". Am Bug begeisterte das glasklare Wasser. Der gesamte Bugbereich mit dem ansteigenden Felshang Richtung Ufer ließ sich überblicken. In 35m Wassertiefe verabschiedeten wir uns vom Schiff und verließen, wie schon an dem benachbarten Wrack, den Tauchplatz Richtung Ufer, um die Dekompression anzutreten. Auch an "Aquila" absolvierten wir 3 Tauchgänge, sodass wir insgesamt 6 Trimixtauchgänge an den beiden wunderschönen Schiffen durchführten. Die Tauchgangsdauer lag zwischen 100-130min. Bei Wassertemperaturen von 6°C bis 10°C waren wir froh unsere Heizhemden mit in den Norden genommen zu haben. Nach einer Woche Aufenthalt ging es dann auch schon wieder an die Heimreise. Auf dem Rückweg machten wir einen Landtauchgang im Sognefjord, um dort das Wrack der "Begonia" zu besuchen. Auch die "Begonia" wäre einen seitenlangen Text wert und schaffte es schon auf die Titelseite des norwegischen Tauchmagazins. Dieses Wrack liegt im Gegensatz zu den beiden Schiffen im Midtgulenfjord, in leicht erreichbarer Tiefe zwischen 8-35m und kann sehr bequem mit Nitrox betaucht werden. Einige Innenräume im Schiff stehen vom Zustand und vom noch vorhandenen Inventar, Schiffsrelikten in größeren Tiefen um nichts nach.
Leider verging die Zeit in Norwegen fiel zu schnell. Wir haben erstklassige Tauchziele entdeckt, die sich auch nach vielen Tauchgängen noch lohnen. Sehr schön war, dass wir aufgrund der geschützten Lage der Wracks, völlig unabhängig von Wind und Wetter tauchen konnten. Das ist beim Wracktauchen in der Form und Qualität wahrscheinlich einzigartig auf der Welt und wohl nur in Norwegen so möglich. Ich bin mir sicher, dass dies nicht unser letzter Besuch in der Region war. Vielen Dank an die Truppe u.a. fürs Frühstück machen
Links zu den Wracks:
Northsea-Explorer Video der "Helga Ferdinand": http://vimeo.com/7577736
Wrackbeschreibung der "Helga Ferdinand": http://dykkepedia.com/wiki/Helga_Ferdinand
Wrackbeschreibung der "Aquila": http://dykkepedia.com/wiki/Aquila
Wrackbeschreibung der Begonia: http://dykkepedia.com/wiki/Begonia
Bildquellen:
*1: National Defence Image Library, PMR 93-073
*2:Clive Ketley Collection
*3:Rechteinhaber unbekannt - Quelle:
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Sämtliche andere Bilder: Jörn Kumpart und Rocco Hannert