Wracktauchen im Nordmeer - U711 und Black Watch

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Rocco
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Wracktauchen im Nordmeer - U711 und Black Watch

Beitrag von Rocco »

Moin Leute,
im Sommer des letzten Jahres habe ich mir einen lang gehegten Traum erfüllt und war 3 Wochen zum Wracktauchen im Norden Norwegens in der Region Harstad - Narvik. Unter anderem haben Jörn und ich, dass Wrack des Unterseebootes U711 und das Wohn und Depotschiff Black Watch betaucht. Ich habe über die Tauchgänge einen Artikel für das Magazin "Auftauchen" geschrieben. Die "Auftauchen" ist die Verbandszeitschrift des Verbandes deutscher Ubootfahrer (VDU). http://www.ubootfahrer.de/web3/

Ich denke der Artikel ist auch für einige Schlosser interessant und der Berichteteil des Forums braucht ein wenig Nahrung. Aus Urheberrechtlichen Gründen kann ich leider nicht den Originaldruck des Artikel als PDF anhängen. Deshalb kopiere ich den Text hier ins Forum und hänge einige Bilder dem Thread an. Die UW-Bilder stammen aus Jörns Video zu U711. Das Video findet ihr hier:
https://www.youtube.com/watch?v=j82Hv0XefqQ

Viele Grüße,
Rocco 
 
Weg zum Wrack.JPG
71 Jahre danach – Tauchgänge im Nordmeer
(Wracktauchen an U711 und „Black Watch“)
Die Frühlingssonne strahlte an diesem 04.Mai 1945 friedlich über der idyllisch gelegenen Bucht Kilbotn im Norden Norwegens unweit des Städtchens Harstad. Hier oben, nördlich des Polarkreises, war nicht viel von dem mörderischen Krieg zu spüren, der die Welt seit sechs Jahren in Atem hielt.  Wären da nicht die vielen, im ruhigen Wasser der Bucht liegenden, Kriegsmarineeinheiten. Das größte Schiff war das Werkstatt- und Depotschiff „Black Watch“, welches das Zentrum dieses Ubootstützpunktes bildete. Zum Schutz vor Luftangriffen befand sich das Flakschiff „Thetis“ und 2 Flakträger in der Bucht, die einen geschützten Naturhafen bildet . Der Stützpunkt Kilbotn war die deutsche Basis, um mit Ubooten gegen die Nordmeergeleitzüge der Alliierten zu operieren. Längsseits der Black Watch lag seit wenigen Stunden U711, ein Uboot des Typs VIIC. Das Boot war gerade zurückgekehrt von einer Feindfahrt im Seegebiet vor Murmansk. Ein Großteil der Besatzung befand sich zum Post empfangen und zur Erholung auf der „Black Watch“ .
Motorengeräusche durchbrachen die beschauliche Stille. Eine große Anzahl feindlicher Flugzeuge näherte sich vom offenen Meer dem Stützpunkt. Sie stammten von dem weit vor der Küste liegenden britischen Verband mit den Geleitträgern HMS Trumpeter, HMS Queen, HMS Searcher und ihren an Bord befindlichen drei Staffeln des „Fleet Air Arm“.  Unterstützt wurden sie von den Kreuzern HMS Diadem und HMS Norfolk, sowie von sieben Zerstörern. Die „Operation Judgement“ hatte begonnen. Schon wenige Sekunden später und die Hölle war los. Die Flaksicherung der Bucht hämmerte, aber gegen die Übermacht und der Gewalt des Angriffes war sie machtlos.  Das riesige Versorgungschiff „Black Watch“ wurde von mehreren Bombenvolltreffern erschüttert, neigte sich gefährlich zur Seite und sank innerhalb weniger Minuten. Der an Bord verbliebenen zehnköpfigen Wache von U711, unter Führung des Kommandanten, gelang es, dass Boot von dem sinkenden Schiff zu lösen und Richtung Buchtausgang zu steuern. Die schweren Beschädigungen aufgrund einiger Bombennahtreffer zwangen jedoch die elf Soldaten zum Verlassen des Bootes, welches dann wenig später sank.  Sie sollten die einzigen Überlebenden ihrer Besatzung sein. Der Untergang der Black Watch kostete ca. 200 Menschen das Leben, darunter 32 Besatzungsmitglieder von U711. Es sollte der letzte Luftangriff des Krieges in Europa sein und die letzte offensive Aktion der Homefleet. 
 
71 Jahre später – Der Tauchgang
Ich folge der Abstiegsleine in die blau-grüne Tiefe. Das Wasser um mich herum wird dunkler und kälter.  Stille umgibt mich, nur das beruhigende klacken des Magnetventiles meines Kreislaufgerätes signalisiert mir, dass Gerät arbeitet und versorgt mich mit dem lebenswichtigen Sauerstoff. Ein Blick auf den Tiefenmesser 30m, 40m und… . Unter mir schält sich schemenhaft, ein riesiges, langgezogenes Objekt aus der dunklen Tiefe. Meine Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht. Das Wasser ist sehr klar, fast wie Mineralwasser. Jetzt realisiere ich, dass Objekt ist U711, welches hier seit 71 Jahren auf dem Meeresgrund ruht. Ich lande im Bereich des Turmes auf dem Rumpf.  Es ist fast 60m tief und die Wassertemperatur beträgt hier unten 7°C. Dank des mit Helium angereicherten Atemgases bin ich völlig klar. Der Tiefenrausch hat so keine Chance.  Im Augenwinkel registriere ich den Schein der starken Unterwasserlampe meines Tauchpartners Jörn. Er ist also auch angekommen und es ist alles in Ordnung. Wir beginnen mit der Erkundung des Wracks. Unser Tauchplan sieht 30min Zeit am Wrack vor. Anschließend wird ein einstündiger Aufstieg mit vielen Stopps folgen, um unseren Körpern Gelegenheit zu geben, dass in der Tiefe aufgenommene Gas los zu werden.     
Das Boot liegt intakt auf seiner Backbordseite auf festem Sandgrund in 60m Tiefe. Wir folgen dem Rumpf in Richtung Heck. Das hölzerne Oberdeck ist trotz der vielen Jahre im Salzwasser in einem erstaunlich guten Zustand. Nur an wenigen Stellen bieten Beschädigungen Einblicke in die darunterliegende Technik des Bootes. So werden an einigen Stellen im Schein unserer Lampen rostige Leitungen, Druckgasbehälter, Winschen und vieles mehr sichtbar. Sogar die Halterungen für die Langwellenantenne sind noch an ihrem Platz.  Am Heck inspizieren wir die geschlossene Mündungsklappe des Hecktorpedorohres und die Propeller mit dahinterliegenden Ruderblättern. Das Boot ist im hinterem Bereich komplett unbeschädigt. Auf unserem Weg zurück Richtung Turm scheuchen wir an vielen Stellen die neuen Bewohner von U711 auf. Rotbarsche und jede Menge Seezungen fühlen sich von unserem Besuch an ihrem Wohnort gestört. Lediglich den kapitalen Seelachsen, die das Boot umkreisen, scheint unser Besuch egal zu sein. Nach ca. 15min Tauchzeit befinden wir uns wieder im Bereich des Wintergartens. Die beiden Flugabwehrgeschütze liegen neben dem Wrack auf dem Grund. Wahrscheinlich sind sie durch ihr hohes Eigengewicht abgefallen. Die druckfesten Munitionsbehälter stehen offen. Vielleicht hat sich die Besatzung noch verzweifelt gegen die angreifenden Flugzeuge gewehrt. Die beiden Sehrohre sind eingefahren, aber noch an Ort und Stelle. Selbst das Periskopglas wirkt klar und unbeschädigt. Das Turmluk steht offen und ermöglicht Einblicke in das Innere des Bootes. Vor dem Turm liegt der klappbare Schnorchelmast an seinem Platz und wirkt sofort einsatzbereit. Auf dem Weg zum Bug passieren wir die Behälter, in denen die Rettungsschlauchboote untergebracht waren. Auch sie sind weit geöffnet. Anscheinend hat sich die elfköpfige Wachmannschaft inklusive des Kommandanten mit ihnen in Sicherheit gebracht. Jetzt befinden wir uns in Höhe des ehemaligen Bugraumes, der als Mannschaftsschlafraum und Lagerraum für die Reservetorpedos gedient hat. Hier klafft ein ca. 2m langer Spalt im Druckkörper. Durch ihn sind Blicke in den Raum möglich. Wir sehen im Schein unserer starken LED-Lampen Gestelle der Kojen und jede Menge Unordnung. Torpedos können wir allerdings nicht entdecken. Diese massive Beschädigung ist sicherlich auch die Untergangsursache gewesen. Der Bug selber ist gestaucht, wie nach einem Auffahrunfall. Die Stauchung ist Folge des Aufpralles auf dem Grund. Dadurch sind die Bugtorpedorohre nicht mehr zu sehen. Allerdings befinden sich der Stb-Anker und das vordere Tiefenruder unbeschädigt an seinem Platz. Wir schwimmen einige Meter vor dem Bug und verweilen mit Blick auf das Boot. Es ist eine unbeschreibliche Atmosphäre, in dem klaren Wasser, der Tiefe, der Stille und dem Dämmerlicht einen stillen Zeugen eines längst vergangenen Krieges in seinem Element entdecken zu dürfen. Ein Blick auf den Tauchcomputer und er mahnt zur Rückkehr zum Ab-/Aufstiegseil. Unsere geplante Grundzeit ist vorbei und wir machen uns entlang der Leine auf den langen Weg Richtung Oberfläche. Die sehr guten Sichtweiten lassen in 40m Tiefe noch einen letzten Blick auf das unter uns liegende Wrack zu und dann verschwindet U711 endgültig aus unserem Blick. Nach fast zwei Stunden erreichen wir, um ein ganz besonderes Erlebnis reicher, die Oberfläche.
Aber der nächste Tauchgang wartet schon. Er wird uns am folgenden Tag zum riesigen Wrack der „Black Watch“ führen. Das durch die Bombentreffer schwer beschädigte Schiff liegt unweit des Ufers, in einer Tiefe von 18-50m, nur wenige hundert Meter von U711 entfernt. Nach einer erholsamen Nacht in unserem Ferienhaus, im nahegelegen Harstad, saßen wir am nächsten Morgen wieder im Boot und fuhren die knapp 4sm lange Strecke in die Bucht Kilbotn. Das Wrack der „Black Watch“ war dank unseres Sidescansonargerätes schnell lokalisiert. Schon in 20m Tiefe trafen wir auf das Wrack. Die Sicht in dieser Tiefe war nicht ganz so gut, wurde aber mit zunehmender Tiefe immer besser. Unser Abstieg an dem auf Bb-Seite liegendem Schiff führte uns vorbei an den riesigen Brückenaufbauten. In ca. 35m Tiefe trafen wir auf den mit Ausrüstungsgegenständen und Teilen des Schiffes übersäten Meeresgrund. Hier lagen Schuhe, Schallplatten, Fotofilme, Waschbecken, Bücher, Munition, Ersatzteile und vieles mehr. Es herrschte eine bedrückende Stimmung. Uns war bewusst, dass es sich um persönliche Gegenstände der vielen Gefallenen dieses verheerenden Angriffes handelt. In Richtung Bug fiel der Grund weiter ab in die Tiefe. Die Unterwassersicht war jetzt mit 20m sehr gut. Das Schiff machte hier einen intakten Eindruck. Wir passierten die vorderen Aufbauten und ein im Schlamm liegendes Geschütz. Vom 50m tiefen Bug aus, machten wir uns entlang der hoch ins freie Wasser ragenden Stb-Seite auf dem Weg Richtung Heck. Die Schäden am Rumpf sind hier massiv. Die Bombenvolltreffer haben unglaubliche Zerstörungen angerichtet. Es ist nicht verwunderlich, dass das Sinken der „Black Watch“ nur wenige Minuten gedauert hat. Im Bereich der Brücke schwammen wir ins Innere des Wracks. Die Räume sind riesig, aber wirkten auch seltsam leer. Wahrscheinlich hat die Wucht des eindringenden Wassers alles mit sich gerissen. Hinter der Brücke auf Höhe des ehemaligen Maschinenraumes endet das einst stolze Schiff in einem Trümmerfeld, welches sich bis ins flache Wasser des Ufers zieht. Hier im sonnendurchfluteten Flachwasser, warteten wir umgeben von Fischschwärmen, bis die Tauchcomputer uns signalisierten, dass die Dekompressionszeit abgelaufen ist und wir gefahrlos auftauchen können.
Die Tauchgänge in der Bucht Kilbotn im Norden Norwegens waren etwas Besonderes.
Zum einen durften wir an sehr gut erhaltenen Wracks mit vielen noch erhaltenen Details tauchen. Außerdem ist ein Tauchgang an einem Uboot ein spezielles Erlebnis, denn man besucht das Boot in dem ihm vertrauten Element, der Tiefe. Ein gescheitertes Überwasserschiff dagegen, stellt immer ein Fremdkörper auf dem Meeresgrund da.
Zum anderen sind die beiden Wracks in der Bucht Kilbotn Zeugen des alliierten Angriffes vom 5.Mai 1945. Diesem verheerenden Luftangriff kommt durch die vielen Opfer und dem Zeitpunkt so kurz vor Kriegsende eine besondere Tragik zu. Sie wird dadurch verstärkt, dass die Männer von U711 wenige Stunden vorher von einer gefährlichen Feindfahrt heimgekehrt sind und in der Freude des Überlebens der letzten Kriegsfahrt, ihr Leben und Boot in der angeblich sicheren Basis verloren. 

Zur Geschichte von U-711 :
Typ: VIIC
Bauwerft: H.C. Stülcken & Sohn, Hamburg
Kiellegung: 1941
Indienststellung: 26.09.1942
Zugehörigkeit:
September 1942 – März 1943, 5.U-Flottille Kiel, Ausbildungsboot
April 1943 – Mai 1943, 11.U-Flottille Bergen, Frontboot
Juni 1943 – Mai 1945, 13.U-Flottille Trondheim, Frontboot
Kommandant:
26.09.1942 – 04.05.1945 Kapitänleutnant Hans-Günther Lange
Er geriet nach den Ereignissen in Kilbotn und dem kurz darauffolgenden Kriegsende in Kriegsgefangenschaft, aus der er nach drei Monaten wieder entlassen wurde.  Ab 1957 war er aktiv am Aufbau der Ubootwaffe der Bundesmarine beteiligt. Unter anderem als Kommandeur des 1. Ubootgeschwaders und später als Kommandeur der Ubootflottille.
Einsätze: 
U-711 unternahm in seiner Dienstzeit insgesamt 13 Unternehmungen bzw. Feindfahrten. Alle Unternehmungen fanden im  Nordmeer statt und richteten sich hauptsächlich gegen alliierte Geleitzüge, die die Sowjetunion mit Kriegsmaterial über Murmansk versorgten. U711 versenkte auf diesen Fahrten zwei Frachter und eine Korvette. Außerdem trug das Boot durch hartnäckiges Fühlungshalten zu Erfolgen der Ubootgruppen gegen Geleitzüge, Zerstörer, einem russischen Uboot und einem Schlachtschiff bei. Der Kommandant wurde für die Leistungen auf den verschiedenen Unternehmungen mit Ritterkreuz und Eichenlaub ausgezeichnet.

Geschichte und Daten der „Black Watch“:

Typ: Kombiniertes Fracht- und Passagierschiff
Bauwerft: Akers Mekaniske Verksted, Oslo
Stapellauf:  16. Juni 1938
Abmessungen: 117m lang, 16m breit, 5035BRT
Zugehörigkeit:
1939, Fred Olsen Line im Liniendienst Oslo – Newcastle
April 1940 – Juli 1942, Wohn- und Kommandoschiff des Stabes des Generals der Gebirgstruppe Eduard Dietl, meistens im Kåfjord liegend 
Juli 1942 – Januar 1943, Umrüstung zum Wohn- und Depotschiff der Kriegsmarine mit deutscher Besatzung
Januar 1943 – Mai 1945, als Basis in Hammerfest für im Nordmeer operierende Uboote, ab 1944 wurde die Basis von Hammerfest nach Kilbotn, Harstad verlegt
Versenkung:  04. Mai 1945, Versenkung durch alliierten Luftangriff
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Blacky
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Re: Wracktauchen im Nordmeer - U711 und Black Watch

Beitrag von Blacky »

Rocco,
vielen vielen Dank das du deinen super-interessanten Beitrag auch an dieser Stelle veröffentlichst und sogar mit FS-exklusiven Bildern veredelst :-) Ich bin mal wieder schwer beeindruckt.
/Dirk
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Falko85
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Re: Wracktauchen im Nordmeer - U711 und Black Watch

Beitrag von Falko85 »

Rocco,

Spannender und informativer Bericht, danke dafür!

Mfg
Falko
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philipaushamburg
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Re: Wracktauchen im Nordmeer - U711 und Black Watch

Beitrag von philipaushamburg »

sehr beeindruckender Bericht, phantatische Bilder. Da haben die Meister gearbeitet.
Gruß aus Hamburg
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Zille
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Re: Wracktauchen im Nordmeer - U711 und Black Watch

Beitrag von Zille »

Danke für den Bericht
Gruß Thomas