auf einer meiner Lieblingseiten im Netz dem "Seenotarchiv", habe ich einen schönen Bericht über Wrackfunde beim Ostseepipelinebau gefunden. Besonders schön fand ich den Schluss "Läge der Meeresboden .... trocken, täte sich ein überwältigendes Gemälde auf ...." u.s.w. . Wie recht der Autor doch hat.
Viele Grüsse Rocco!
Nordstream-Pipeline macht klar - die Ostsee ist ein Meer von Wracks
(21.6.10) An der Einfahrt zum Greifswalder Bodden südöstlich von Rügen, wo heute am Strand riesige Rohre mit fast mannshohem Durchmesser vom Beginn des Baus der Ostsee-Pipeline zeugen, sollte eigentlich gar nichts mehr durchkommen. Das wollten die Schweden verhindern, und deshalb versenkten sie dort vor fast 300 Jahren 20 Frachtschiffe und beschwerten sie mit großen Wackersteinen, damit sie niemand so schnell heben könnte. Noch heute liegen sie im Flachwasser und sind für Taucher in vier, fünf Metern gut zu erreichen. Sie sollten 1715 Angriffe von deutschen, polnischen, dänischen und russischen Schiffen auf das schwedisch besetzte Stralsund abblocken im Großen Nordischen Krieg. Die Archäologen schätzen die Barriere aus Wracks, etwa eineinhalb Kilometer lang, als äußerst bedeutsam ein für die regionale, aber auch für die nordeuropäische Schifffahrtsgeschichte ein. An ihnen lassen sich die Bauweisen, die Beplankungen und vieles anderes Kulturhistorisches aus der späten Hansezeit studieren. Noch nie wurde eine so große Fläche am Ostseegrund so sorgfältig untersucht, wie es jetzt auf dem Korridor der künftigen Pipelinetrasse der Fall war, auf einer Breite von mindestens 125 Metern.
Nicht nur Schiffswracks kamen dabei ans Licht, auch Flugzeuge aus dem 2. Weltkrieg. Wohl auch Spuren von Siedlungen aus der Steinzeit. Die Taucher und Tauchroboter der Nord Stream AG haben viele Dutzend Wracks entdeckt zwischen der Schiffsbarriere im Greifswalder Bodden am einen und Wyborg am anderen Ende der geplanten Rohrleitung. Die meisten fanden sie mit Side Scan Sonar. Erst vor wenigen Wochen und nach der Veröffentlichung der Wrack-Bilanz von Nord Stream, stieß man ganz in der Nähe der Insel Gotland auf neun Schiffe, die alle zwischen dem Mittelalter und dem 18. Jahrhundert untergegangen sind. Das älteste von ihnen wohl um das Jahr 1000, aus der Zeit also, aus der die Überlieferung der schwedischen Geschichte sich noch weitgehend in Sagas erschöpft. Einige dieser Wracks zeichnen sich durch einen noch völlig intakten Rumpf aus. 177 Seeleute waren auf dem russischen Kriegsschiff "Rusalka", als es am 19. September 1893 den Hafen von Reval verließ, um mit dem Kanonenboot "Tutschka" im Kielwasser die 50 Kilometer nach Helsinki überzusetzen, bei starkem Wind und hohem Seegang.
Als die "Tutschka" am nächsten Morgen in Helsinki einlief, war die "Rusalka" spurlos verschwunden. Zwei Tage später wurden Teile des Schiffes an den Strand gespült, auch ein Rettungsboot mit einem toten Matrosen. 37 Tage lang ließ das Marineministerium das Schiff erfolglos suchen. Es war eine Tragödie für die Flotte des Zaren in Friedenszeiten, die zum Mythos wurde in der russischen und sowjetischen Kriegsmarine. Seit 1902 steht ein monumentales Denkmal in Tallinn zum Gedächtnis. Erst im Vorfeld der Projektion der Pipeline stießen Taucher auf das Wrack. Es liegt in der Nähe eines "unidentifizierten Flugzeugs", wie es in der Liste von Nord Stream über die Objekte im finnischen Sektor heißt, "unter Umständen aus dem Zweiten Weltkrieg, eventuell früher. Für das finnische Antiken-Amt nicht interessant" - allzu viele neuerliche Funde pflastern den Weg des geplanten Gasrohres.
Die geplante Trasse verläuft in der respektvollen Entfernung von 7,5 Kilometern von ihm. Dennoch findet das berühmteste Ostseewrack unserer Tage, die "Estonia", auch Erwähnung in der Liste, ist es auf den Karten von Nord Stream vermerkt. Zwar ist es nicht, wie von der Regierung in Stockholm vorgesehen, mit meterdickem Beton versiegelt, wurde aber in einer Nacht-und-Nebel-Aktion unter einem riesigen Haufen Geröll und Schutt begraben.
Niemand darf sich diesem Wrack nähern, so steht es in einem eigenen schwedischen "Estonia"-Gesetz, niemand mehr die Frage untersuchen, ob die "Estonia" mit ihren 852 Ertrunkenen ein Opfer von Sturm und Seegang wurde oder von der Mafia. Oder vom Geheimdienst, wegen dubioser Waffentransporte. Die von der Nord Stream gefundenen Wracks bleiben bis auf einige Ausnahmen auf dem Meeresgrund, so wie es schon immer bei den allermeisten Funden in der Ostsee der Fall war. Nur bei wenigen, als außerordentlich wertvoll beurteilten Ausnahmen lohnt der aufwendige und teure Konservierungsprozess nach einer nicht minder komplizierten Prozedur der Bergung. Die Unterwasser-Archäologen konzentrieren sich auf die Bestandsaufnahme, nehmen höchstens Utensilien aus dem Schiffsbauch mit nach oben wie Geschirr, Laternen, hier und da auch den Inhalt der Bordkasse aus der frühen Neuzeit, und erfreuen sich ansonsten an ihren Studienobjekten, ergründen die Art der Steuerruder, die Bauweise der Kachelöfen, lesen an der Größe der Kapitänskojen die Längenmaße der Menschen im Mittelalter ab.
Hin und wieder holen sie dennoch ein Schiff an die Oberfläche, wie bei der Schiffskette, mit der die Schweden die Einfahrt nach Stralsund blockierten. Eines der alten Fahrzeuge lag genau auf der geplanten Trasse, für deren Führung so nah am Landfall auch kaum Spielraum bestand. Viele Tage Arbeit bedeutete dies, und ein behutsames Vorgehen, als handele es sich um eine scharfe Mine. Die Reste des Schiffes lagen obendrein tief im Meeressediment vergraben. Bei anderen Wracks der Kette ließ Nord Stream immerhin von der Seite Canyons quer zu den Schiffswänden graben, damit die Archäologen leichteren Zugang haben. Mehr denn je zuvor hat die Prospektion für die Pipeline bestätigt, dass die Ostsee das wrackreichste Meer der Welt ist, 2000 gesunkene Schiffe vermutet man allein vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns.
Wohl deshalb, weil der dramatisch anwachsende Seehandel zur Hansezeit die Entwicklung hin zu größerer Sicherheit im Schiffbau und in der Seefahrt schlicht überholte, weil im ausgehenden Mittelalter die Piraterie hier ihren Höhepunkt erlebte und weil viele Schiffe Opfer wurden der hier tobenden vielfachen Kriege in der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends. Besonders rund um Rügen liegen die Wracks, Taucher können sie kaum verfehlen. Auch wenn die Unterwasserarchäologen, die heftig über Wrackräuber klagen, ihre Lage für sich behalten. Alles, was auf dem Meeresgrund gefunden wird, gehört dem Land. Vor Rügen kam eine besondere Gefahr hinzu: die gefährlichen Klippen vor der Küste, derentwegen Karl-Friedrich Schinkel schließlich den dreigeschossigen Leuchtturm-Palast auf Kap Arkona baute.
Läge der Meeresboden unterhalb des Königsstuhls, des berühmten Kreidefelsen von Rügen, etwas unterhalb von Kap Arkona, trocken, täte sich ein überwältigendes Gemälde auf: Koggen, Kutter und Kanonenboote, Schuten, Schoner und Schaluppen, von Muscheln und Algen überwuchert, grünlich fluoreszierend, bräunlich-schwarz dahinrottend, aus allen erdenklichen Jahrhunderten und Hunderten von Seegefechten, umgeben von nicht mehr ganz runden Kanonenkugeln, abgerissenen Ankern und umgestürzten Masten. Eine Ruinenlandschaft, wie die Fantasie sie nicht bizarrer malen könnte. Ein Meer von Wracks. Quelle: Tim Schwabedissen
Quelle des kopierten Artikel: http://www.esys.org/news/sos_1006.html